Ronja schreibt...

damit es irgendwo wirklich passiert
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Seit drei Jahren

Der Traubensaft

Ich stand irgendwo in einer Seitenstraße. Eine, die ich zuvor selten betrat. Ich wusste nicht mehr, was mich hierher geführt hatte.

Ich stand einfach nur da. Ein Bündel Eukalyptus in der Hand. Ich hatte ihn irgendwie gekauft. So wie jede Woche. Der Geruch – ich wachte gerne morgens dazu auf.

War es die Musik gewesen, die mich hierher geführt hatte? Mitten auf der Straße stand ein Klavier.

Ich war Straßenmusik gewohnt. Irgendwo spielte immer jemand Gitarre, Geige, vielleicht ein Keyboard. Doch hier, irgendwo in einer ruhigen Seitenstraße, stand ein Klavier. Keines dieser billigen, einladenden Instrumente, die man in Großstädten aufstellte. Das hier war anders. Gepflegt. Umsorgt.

Ein Mann spielte. Älter als ich. Doch ich erinnerte mich nicht mehr daran, wie er aussah. Nur diese Musik.

Comptine d'un autre été: L'Après-Midi

Ich stand einige Meter entfernt. Mein Körper folgte der Melodie. Ich wusste nicht mehr, was um mich herum geschah. Ob andere Menschen fühlten, was ich fühlte. Es gab nur noch mich und diese Musik. Mein Herz, das sich dem Rhythmus anpasste. Eine einzelne Träne suchte sich ihren Weg über meine Wange. Der Schwerkraft folgend.

Ich wischte sie nicht weg.

Das Stück fand seinen Weg in mein Herz. Ich kannte es. Es war nicht neu komponiert. Nicht anders vorgetragen. Es war einfach da. Doch als ich es hörte, hier in dieser Seitenstraße, auf einem Klavier gespielt, das einfach so da stand – etwas war anders. Tiefer. Trauriger.

Es fand ein Ende. So wie alles irgendwann endete. Niemand applaudierte. Mein Blick verharrte noch immer irgendwo auf dem Klavier. Auf den Tasten. Den Händen des Mannes, ohne sie wirklich wahrzunehmen.

Als er sich aufrichtete und ein Glas Wasser trank, kam auch ich wieder im Hier und Jetzt an. Ich räusperte mich, wischte mir mit dem Handrücken über die Wange. Die Träne, die aber schon längst getrocknet war.

Ich fühlte mich etwas verloren. Suchte nach Halt – und mein Blick fand den seinen. Hatte er mich beobachtet?

Er war älter als ich. Hatte bereits ein Leben gelebt. Wo Traurigkeit in meinen Augen lag, lag Heiterkeit in den seinen. Er lächelte. Nicht aufdringlich. Etwas stolz. Oder war es Dankbarkeit? Ich wusste es nicht.

Sein Blick war fesselnd wie seine Musik. Dann brach er ab. Er wandte sich einem anderen Mann zu. Eine Begrüßung, ein Lachen, das ich nicht mehr vergaß. Doch ich ging. Drehte mich um und suchte den Weg nach Hause.

Immer wieder hatte ich das Gefühl, diese Musik zu hören. Irgendwo in der Stadt. Irgendwo anders. Doch nie war sie tatsächlich da. Eher wie ein leises Echo im Hintergrund. Es fesselte mich. Ließ mich wieder los.

An einem anderen Tag – ich wusste nicht mehr, wie viel Zeit vergangen war – lief ich durch diese Straße. Geschäfte waren geschlossen. Das Klavier war nicht mehr dort. War ich überhaupt in der richtigen Straße? Etwas zog sich zusammen in mir. Ich konnte es nicht erklären. Ich ging nach Hause. Saß auf meinem Bett. Der Eukalyptus stand traurig in der Vase auf meinem Nachttisch. Trocken.

Ich war wieder in der Seitenstraße. Hatte wieder Eukalyptus in der Hand. Doch auch dieses Mal kein Klavier. Erst jetzt fiel mir auf, dass diese Seitenstraße, die ich selten betrat, nicht mehr so selten war. Wieder wenige Menschen. Aus einem Fenster bellte ein Hund. Ansonsten nichts.

Ich ging einfach weiter. Wieder mit diesem Ziehen in der Brust. Ich wollte mir gerade Kopfhörer aufsetzen, als ich es hörte. Ein Klavier. Nein – das Klavier. Ein anderes Lied. Aber ich war mir sicher.

Ich sah mich um. Nirgendwo auf der Straße war es zu sehen. Dann wieder – ein paar Töne. Leise. Ich folgte ihnen. Erkannte das Lied. Wurde lauter.

Ich blieb stehen. Neben mir. In einem Haus.

Ein Schild, mit Kreide beschrieben. Empfehlung des Hauses: Confit de canard – Entenschenkel, langsam gegart, mit Linsen und Thymian.

Ein Restaurant. Eines, in dem ich noch nie gewesen war. Essen, das ich noch nie gegessen hatte. Ich versuchte selten etwas Neues. Hatte meine gewohnten Wege. Seit dem Klavier war es anders.

Die Tür öffnete sich. Gäste verließen das Restaurant. Heiter. Lachend. Zufrieden und satt.

Die Musik wurde lauter. Das Klavier. Und wieder leiser, als die Tür zurück ins Schloss fiel.

Ich zögerte.

Bevor ich darüber nachdenken konnte, stand ich drinnen. Meine Sinne wurden überwältigt von den Gerüchen. Essen, Wein, der Eukalyptus noch immer in meiner Hand. Ein Kellner stand wenige Momente später vor mir. Ein Lächeln. „Ein Tisch für zwei?", fragte er wie selbstverständlich. „Nein. Nur für mich, bitte.", antwortete ich zögerlich. Ein freundliches Nicken, und er führte mich zu einem freien Tisch am Fenster.

Ich setzte mich. „Eine Vase für die… Pflanze?", fragte er. Ein Nicken von mir, und er verschwand. Mein Blick durchsuchte den Raum. Das Klavier. Nicht zu laut, es übertönte nicht den gesamten Raum. War dennoch präsent.

Una Mattina.

Ich kannte das Lied. Wie beim letzten Mal war es anders. Dasselbe Klavier. Ein anderes Lied. Dasselbe Gefühl, das es in mir auslöste. Derselbe Blick, der auf mir ruhte.

Der Eukalyptus stand in der Vase vor mir. Ich war noch nie alleine in einem Restaurant gewesen. Ich hatte noch nichts bestellt, doch der Kellner kam mit einem Teller auf mich zu. Die Empfehlung des Tages. Er stellte einen Traubensaft daneben. „Der Chef meint, das würde Ihnen schmecken.", sagte er, und verschwand wieder.

Mein Blick suchte erneut das Klavier. Oder suchte er diesmal ihn? Seine Hände auf den Tasten. Geübte Bewegungen. Weich, führend. Er sah mich nicht an. Ich sah ihn diesmal genauer an. Weißes Hemd. Dunkle Hose. Bart. Etwas längere Haare. Gepflegt, aber rau. Vereinzelte graue Haare zwischen den ansonsten sehr dunklen. Sein Körper bewegte sich zur Musik. Er fühlte jeden einzelnen Anschlag.

Ich saß einfach da. Genoss die Musik. Genoss dieses Essen, das ich nicht selbst gewählt hatte. Es war perfekt. Der Traubensaft wirkte wie ein Gewürz, das den Geschmack des Fleisches anhob, ohne zu übertrumpfen.

Später fragte ich den Kellner, wer denn der Chef sei, dass er wüsste, was mir schmecken würde. Er deutete nur auf das inzwischen verstummte, leere Klavier. Meine Rechnung sei bereits beglichen, meinte er noch.

Ich ging. Mit mehr Fragen als Antworten. Den Eukalyptus in meiner Hand. Ein warmes Gefühl im Bauch. Ein leichtes Lächeln auf den Lippen.


Das Fenster

Seit Tagen versuchte ich etwas zu finden, das an den Geschmack dieses Essens heranreichen würde. Ich stand in der Küche. Traubensaft in der Hand. In der Pfanne brutzelte Ente. Ich hatte noch nie selbst Ente gemacht. Ich wusste, sie würde grausam werden.

Im Hintergrund lief leise Musik über meinen kleinen Lautsprecher. Coldplay. Eines meiner Lieblingslieder.

Ich sang selten. Wenn, dann nur für mich. Irgendjemand hatte einmal zu mir gesagt, ich könnte gut singen. Doch ich glaubte nie daran. War nervös vor anderen. Ich sang nur für mich. Von draußen wehte ein sanfter Wind. Das Küchenfenster war offen. Ich sang trotzdem. Ließ mich treiben.

Ich wusste nicht, dass meine Stimme auf die Straße hinaus reichte. Dass man mich draußen hören konnte.

Vor meinem Fenster hatte ich ein kleines Beet und etwas Rasen. Die Blumen blühten bereits in diesem warmen Frühling.

Da stand er. An dem kleinen Zaun vor dem Rasen. Aufgehalten von meiner Stimme. Ich bemerkte ihn noch nicht. War nur bei mir. Er stand einfach da und genoss, was er hörte. Lächelte, als ihm der Geruch der Ente in die Nase stieg.

Mein Blick wanderte unbewusst zum Fenster. In der Spiegelung der Scheibe sah ich jemanden vor meinem Garten stehen. Ich hörte sofort auf zu singen. Unsicherheit machte sich in mir breit. Ich trat etwas zur Seite – so, dass ich sehen konnte, wer dort stand, ohne dass er mich sehen konnte.

Er schaute direkt zum Fenster. Er musste meine Umrisse gesehen haben.

Da erkannte ich ihn. Das Klavier. Das Restaurant. Mein Garten.

Die Unsicherheit wich der Verwirrung. Mir wurde warm. Ich blieb im Schatten. Sein Kopf lag leicht schief. Wartend. Hoffend, dass ich weitersingen würde.

Ich bewegte mich nicht mehr.

Sekunden vergingen. Oder waren es Minuten? Er ging weiter. Zögernd. Erst dann merkte ich, dass ich aufgehört hatte zu atmen, und rang nach Luft.

Ich verließ meine Küche. Der Herd war aus, die Ente lag noch verbrannt an derselben Stelle. Meine Füße trugen mich, wie selbstverständlich, zurück in diese Seitenstraße. Zurück zum Klavier. Als ich vor der Tür des Restaurants stand, hörte ich nichts. Kein Klavier. Keine leisen Töne, die Wärme in mir auslösten.

Ich ging trotzdem hinein.

Es war noch sehr leer. Gerade halb fünf an einem Donnerstag. Der Kellner erkannte mich. Lächelte, gab mir denselben Tisch. Brachte mir dasselbe Essen. Traubensaft. Ohne dass ich fragen musste. Kein Eukalyptus diesmal.

Die Tür ging hinter mir auf. Ein Windhauch. Schritte. Ein Geruch, den ich noch nicht kannte. Warm. Einladend. Trotzdem vertraut. Jemand blieb neben mir stehen. Nicht aufdringlich. „Es schmeckt Ihnen also." Eine tiefe, angenehme Stimme. Ich blickte auf. Da stand er. Ohne Klavier. Lächelnd. Nicht mehr vor meinem Garten.

Ich wusste nicht, was ich erwartet hatte. Warum ich überhaupt hier war. Ich nickte und lächelte. Überfordert. Etwas beschämt. Sein Kopf wieder leicht schief. Dann ging er. Ohne ein weiteres Wort. Ließ mich zurück. Verwirrt.

Ich sah ihn nicht wieder. Bezahlte diesmal selbst. Bereit zu gehen. Satt und zufrieden, aber noch immer verwirrt.

Das Klavier. Ich stand schon an der Tür, die Hand auf dem Griff. Dann hörte ich es. Hörte ihn. Ich schloss die Augen. Lächelte. Voller Wärme.


Das Dessert

Ich erinnerte mich nicht daran, aber ich saß wieder auf demselben Platz. Der Kellner schmunzelte und stellte mir einen Traubensaft auf den Tisch. Wortlos. Als wüsste er, dass ich noch nicht gehen würde.

Es wurde spät. Die meisten waren schon gegangen. Mein Getränk hatte sich geändert. Der Kellner brachte mir irgendwann Wasser mit Zitrone. Stellte ein Apfel-Tartelette mit Karamell vor mich hin. Ebenfalls unbestellt. Es war großartig.

Ich saß noch immer da. Er spielte seit Stunden. Ich bemerkte nicht, wie die letzten Gäste gingen. Nicht, wie auch der Kellner verschwand. Die Küche war still. Nur noch ich und dieses Klavier.

Dann veränderte sich etwas. Ich kannte dieses Stück. Ich kannte auch die meisten zuvor. Aber dieses war anders. Coldplay. Das Lied, das ich gesungen hatte. In meiner Küche. Nur wenige Stunden zuvor.

Ich stand auf, ungewollt. Angetrieben von etwas Unsichtbarem. Trat näher, aber nicht zu nah. Gab dem Klavier den Raum, den es brauchte. Ich bemerkte nicht, wann ich angefangen hatte zu singen. Leise. Zurückhaltend, aber da.

Er stockte. Eine kleine Unterbrechung. Ein Zögern. Kaum hörbar. Ich hörte es, sang aber weiter. Sein Blick auf mir. Meiner am Boden. Unsicher.

Der letzte Ton hallte noch durch den Raum.

„Das warst du.", sagte er. Sein Blick fragend, ein leichtes Lächeln auf den Lippen. „Vorhin."

„Ja.", meinte ich. Leise.

Er stand auf, kam aber nicht zu nah. Lehnte sich gegen das Klavier.

„Du spielst auf der Straße." Es klang eher nach einer Frage.

„Ich will den Menschen etwas geben." Seine Hand wanderte unbewusst zu seinem Hemd. Nein – zu etwas darunter. Eine Kette. Etwas daran. Versteckt. Sicher unter dem Stoff. Sein Blick glitt für einen Moment ins Leere. Irgendwo hinter mir. Dann fing er sich wieder. Ließ die Hand sinken.

„Meine… Frau. Sie spielte so gerne für die Menschen. Für die Nachbarschaft." Vergangenheit. Ich schluckte. Ich verstand.

„Du solltest öfter singen.", sagte er dann. Gefasster. Wieder im Hier und Jetzt.

„Tut mir leid."

Ich ignorierte seine Frage. „Das… mit deiner Frau.", meinte ich stattdessen. Er atmete einmal tief ein. Die Augen kurz geschlossen. „Das ist lange her.", meinte er nur. Lächelte aber.

„Ich hab dich vorhin gehört. Du hast gekocht." Er schob das Thema beiseite. „Und eben. Das ist unglaublich."

Ich wusste nicht, was ich sagen sollte. Zuckte nur leicht mit den Schultern.

„Du spielst außergewöhnlich.", versuchte ich den Fokus von mir abzulenken.

Auch er wirkte etwas unsicher. Lächelte aber noch immer.


Ich lag in meinem Bett. Wach. Es war sehr spät. Ich erinnerte mich nicht daran, wann ich nach Hause gegangen war. Wir hatten noch sehr lange geredet. Über Belangloses. Über Musik. Über seine Frau. Ein Unfall. Drei Jahre her.

Ich sah auf meinen Nachttisch. Der Eukalyptus. Trocken. Diesmal nicht traurig.

Ich würde mir morgen neues holen.


Der Eukalyptus

Als ich aufwachte, war das Erste, was ich sah, der Eukalyptus. Ich lächelte. Der Tag war frei. Keine Verpflichtungen. Keine Termine. Ich machte mich in Ruhe fertig. Trug eine dunkelgrüne Bluse. Es war wieder warm in diesem Frühling.

Meine Füße trugen mich die gewohnte Strecke, doch der Blumenladen konnte warten. Ich ging an der Straße vorbei. Das Klavier. Es stand wieder draußen. Er saß daran und spielte. Ich ging nicht zum Blumenladen. Ich ging zum Klavier.

Er bemerkte mich sofort. Lächelte.

Nuvole Bianche.

Sein Blick lud mich ein, näher zu kommen. Er nickte in Richtung Klavier. Dann sah ich es. Eine Vase darauf. Eukalyptus darin. Ich musste lachen. Nur leicht – genug, dass auch er lachte. Ich stand diesmal näher, aber weit genug, dass das Klavier Raum hatte. Raum zum Atmen.

Als das Stück ausklang, stand er auf. Nahm die Pflanze aus der Vase und hielt sie mir hin. „Du brauchst neue.", sagte er nur. Ich schüttelte ungläubig den Kopf. Unfähig nachzufragen. Ich nahm den Eukalyptus entgegen. Er fühlte sich anders an als sonst. Obwohl es derselbe war.

„Heute Abend."

Ich sah ihn fragend an.

„Ein Konzert. Klassik.", ergänzte er. „Ich… ich hab das lang nicht mehr gemacht." Er lachte. Schüttelte den Kopf und atmete tief ein. Seine Hand an der Kette um seinen Hals. Diesmal nicht unter dem Hemd. Zwei Ringe daran. Einer kleiner als der andere. Ein Rubin. Bevor er weitersprechen konnte, kam ich ihm zuvor.

„Ich würde gerne mitkommen."

Er atmete auf. Lächelte. Seine Hand sank wieder herunter.

„Ich hole dich ab. Um sieben."

Mehr brauchte es nicht. Er setzte sich zurück ans Klavier. Sein Blick noch immer auf mir. Stimmte ein anderes Lied an. Ich blieb noch etwas. Hörte zu.


Später stand ich vor dem Spiegel. Sechs Kleider lagen verstreut auf dem Bett. Das siebte hatte ich an. Dunkelgrün. Lang. Vorne geschlossen. Der Rücken frei. Dezent. Schlicht. Schwarze Schuhe. Nicht zu hoch. Die Haare hochgesteckt. Was tat ich hier überhaupt?

Ein Klingeln. Punkt sieben. Ich eilte zur Tür, öffnete sie etwas außer Atem.

Er stand da. Anzug. Keine Krawatte. Die Kette unter dem Hemd. Die Haare leicht zerzaust. Der Bart gepflegt. Dieser Geruch. Warm. Wie damals im Restaurant. Sein Blick wanderte an mir herunter. Betrachtete das Kleid. Ein Lächeln. Mehr als zuvor.

Er war älter als ich. Anfang vierzig vielleicht. Zehn Jahre. Oder mehr.

„Hi."

„Hallo." Wie ein kleines Kind. Aufgeregt. Nervös.

Er hielt einen kleinen Strauß in der Hand. Tulpen. Weiß und rosa. Ein Neuanfang.

Ich lächelte, nahm sie entgegen. Bat ihn kurz herein. Suchte eine Vase. Er wartete. Stand in der Tür zur Küche. Beobachtete mich. Auch ihm sah man die Unsicherheit an. Was ihm wohl durch den Kopf ging?

Mir fiel sein Blick auf. Verträumt. Seine Hand wieder an der Kette.

„Alles okay?", fragte ich. Leicht besorgt. „Wir müssen nicht…" Mein Blick auf der Kette an seinem Hals.

„Doch.", sagte er schneller als gewollt. Er atmete auf. Lächelte. Die Augen feucht. Schloss sie kurz.

„Es wird Zeit.", sagte er, mehr zu sich selbst als zu mir.


Das Konzert

Wir saßen ganz vorne. Ein kleiner Saal. Ein großer Flügel in der Mitte der Bühne. Wir waren mit seinem Auto gekommen. Ein alter Mercedes. Schön. Gepflegt. Wie das Klavier. Er hatte mir die Tür geöffnet. Wir redeten wenig. Genossen die Stille.

Im Konzertsaal war es laut. Menschen, die ihre Plätze suchten, sich unterhielten, lachten.

Ein Klingeln ertönte. Es wurde ruhig. Das Licht ging aus. Ein Mann trat auf die Bühne. Setzte sich. Stille. Der erste Tastenanschlag. Ich spürte, wie er neben mir aufatmete. Auch ich entspannte mich.

Kein Wort. Während des gesamten Konzertes. Ein paar Blicke. Mehr brauchte es nicht.

In der zweiten Hälfte wurde mir kalt. Auch hier kein Wort. Er sah, wie ich leicht zitterte. Wortlos stand er auf, zog sein Jackett aus und legte es mir über die Schultern. Sein Geruch war überall. Seine Finger streiften leicht mein Schlüsselbein. Ich schloss kurz die Augen. Wärme strömte durch meinen ganzen Körper.

Er bemerkte meine Reaktion. Schmunzelte. Setzte sich wieder.

Die Musik war unglaublich. Das Piano klang anders als sein Klavier. Präsenter. Stärker. Aber nicht besser. Einfach anders. Neben ihm zu sitzen, anstatt ihn selbst spielen zu sehen, war auch anders.

Überwältigt standen wir danach draußen. Kühl. Dunkel. Eine sternenklare Nacht. Wir gingen nebeneinander zu seinem Wagen. Nah genug, dass ich seine Wärme spürte.

Er öffnete mir die Tür. Setzte sich vors Steuer, startete aber noch nicht den Motor.

„Das war beeindruckend.", meinte er. Die Hände am Lenkrad. Der Blick nach vorn.

„Unglaublich.", ergänzte ich lächelnd.

„Du riechst gut.", sagte er dann. Die Augen geschlossen. Er fuhr los. Es wurde nichts mehr gesagt. Bis wir vor meinem Gartentor anhielten. Er öffnete mir erneut die Tür. Begleitete mich bis zur Haustür.

Ich wollte ihm das Jackett zurückgeben. „Behalt es. Gib es mir zurück, wenn wir uns wiedersehen.", sagte er. Wir würden uns also wiedersehen. Ich fühlte mich wieder wie sechzehn. Nach meinem allerersten Date. Mit dem Jungen von nebenan.

Er lachte. Ich sah ihn fragend an.

„Ich weiß gar nicht, wie du heißt.", bemerkte er. Ich lachte. Wir beide lachten. Laut. Offen. Als würden wir uns seit Jahren kennen.

„Alina."

„Étienne."

Wir standen vor meiner Tür. Sahen uns an. Sein Jackett in meiner Hand. Die kühle Luft wie ein Hauch auf meiner Haut.

Er nahm mich sanft in den Arm. Seine Hand berührte meinen Rücken. Meine nackte Haut. Strich über den Rand meines Kleides. Mir wurde immer wärmer. Seine Lippen berührten meine. Nur leicht. Nicht aufdringlich. Ich schloss die Augen. Forderte nichts. Verlor mich einfach in diesem Moment.


Ein Neuanfang

Ich erinnerte mich nicht daran, wie lange wir dort standen. Wie lange er mich noch ansah, bis ich hineinging. Er wartete, bis ich die Tür schloss, bevor er wegfuhr. Ich lehnte an der Tür. Lächelte.

Ich schlief unglaublich gut. Sein Jackett lag an meinem Kopfkissen. Der Geruch noch frisch. Wie am Abend zuvor. Es war Samstag. Das Sonnenlicht kitzelte meine Nase.

Der Kaffee schmeckte besser als sonst. Ich trug nur ein Top und eine kurze Hose. Ganz anders als noch am Abend zuvor. Stand in der Küche, hörte Musik. Sang.

Etwas spiegelte sich im Fenster. Ein Luftzug trug seinen Geruch in meine Küche.

Dann sah ich ihn. Er lehnte an meinem Gartenzaun. Hörte mir beim Singen zu. Trug Jeans, ein einfaches Shirt. Auch anders. Die Haare zerzaust. Wie lange stand er schon da?

Ich lief zur Haustür und öffnete sie, ohne darüber nachzudenken. Er stand noch immer da. Sah mich an. Lachte. Schüttelte den Kopf. Bevor ich etwas sagen konnte, stand er vor mir. Sein Atem an meiner Wange. Schwer. Etwas war anders. Er war angespannt.

„Wie lange wartest du schon?", fragte ich.

„Eine Stunde.", sagte er, als wäre es etwas ganz Normales

„Alles okay?"

Er antwortete nicht. Er küsste mich. Anders als am Abend zuvor. Als wäre ich die Erste, die er seit langem küsste. Und vermutlich war ich das auch. Seit drei Jahren. Außer gestern.

Ich spürte seinen Herzschlag. Spürte Wut. Traurigkeit. Verzweiflung.

Er zog sich kurz zurück. Presste den Kiefer zusammen. Ich spürte seine Unsicherheit. Ich forderte nichts ein. Ich wollte niemanden ersetzen. Gab ihm Raum zum Atmen. Entfernte mich leicht. Seine Hand an der Kette. Die Augen geschlossen, als würde er um Erlaubnis bitten.

Er sah mich wieder an. Etwas hatte sich verändert. Er lächelte leicht. Schüttelte kurz den Kopf. Dann erkannte ich die Frage in seinem Blick. Diesmal an mich gerichtet. Ich dachte an die Tulpen. An das Klavier. An die Musik.

Die Distanz zwischen uns war nicht mehr da. Diesmal küsste ich ihn. Als Antwort auf seine Frage. Vorsichtig. Sodass er die Chance hatte, sich zurückzunehmen.

Doch er tat es nicht. Er hob mich mit Leichtigkeit hoch. Seine Hände an meinen nackten Oberschenkeln trug er mich hinein. Die Tür fiel ins Schloss.

Es gab keine Fragen mehr. Nur Antworten.