Ronja schreibt...

damit es irgendwo wirklich passiert
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Nur ein Name

Sieben Minuten

Meine schnellen Schritte hallten durch die kalte und nahezu leere U-Bahn Station.

Ich wollte einfach nur weg. Wollte mich verstecken, doch meine Absätze kündigten mein Dasein absurd episch an.

Ich verfluchte meine Schuhe. Sie schmerzten. Ich hatte mir Mühe gegeben. Hatte mich tatsächlich darauf gefreut.

Es war lange her, dass ich bei einem Date war. Nach acht Jahren Beziehung und einem Jahr Single-Dasein war es an der Zeit. Zumindest hatte meine beste Freundin das gesagt. Nach heute Abend war ich da anderer Meinung.

Ich fühlte mich elend.

Sieben Minuten. Ich hatte Glück. Um diese Uhrzeit fuhren die Bahnen nur noch alle vierzig Minuten.

Den gewohnten Luftzug spürte ich zuerst. Kurz bevor die Bahn in die Station einfuhr. Ich sah mich kaum um, mein Blick starr nach vorne gerichtet auf die Tür. Darauf wartend, dass die grünen Lichter am Knopf anfingen.

Es piepte. Ich stieg ein. Blieb in der Nähe der Tür. Setzte mich mit Blick zur Tür. Der Wagen war vollständig leer.

Es piepte. Die Türen schlossen. Ein kurzer Ruck und die Bahn fuhr los.

Ich atmete erleichtert aus. 27 Minuten. Dann wäre ich so gut wie zuhause.

Die nächste Station. Wenige Menschen. Wartend. Wollten nach Hause, genau wie ich.

Ein Mann stieg ein, direkt bei meiner Tür. Ich musterte ihn, so wie ich um diese Uhrzeit jeden musterte.

Unwillkürlich ging meine Hand zu der kleinen Tasche. Die Finger am Reißverschluss. Ich zog sie enger an mich.

Rotblond. Dunkle Jeans, wie ich. Ein weißes Shirt. Das Blut daran fiel mir direkt ins Auge. Er blieb stehen. Zwei Meter entfernt.

Ich sah ihn nicht an. Er zögerte. Ich biss die Zähne aufeinander. Wandte den Blick ab.

Er drehte sich um und ging in die andere Richtung. Setzte sich mehrere Reihen entfernt. Blick zu mir. Aber er sah mich nicht direkt an.

Irgendetwas störte mich an seiner Körpersprache. Er wirkte etwas desorientiert. Blutige Lippe. Ein blaues Auge. Eine aufgeschlagene Stirn.

Ich versuchte ihn zu ignorieren.

Meine Hand löste sich etwas von meiner Tasche. Ich merkte erst jetzt, dass ich die Luft angehalten hatte und atmete aus.

Ein paar Stationen. Keiner stieg ein oder aus. Es piepte. Die Türen schlossen sich wieder. Ein Ruck. Ein Stöhnen.

Mein Blick ging direkt zu dem Mann. Seine Hand an seiner Stirn. Sein Gesicht verzogen. Seine Augen geschlossen.

Ein Piepen. Die Türen öffneten sich. Keiner stieg ein. Ein kalter Luftzug. Erneut ein Piepen. Ein Ruck.

Sein Kopf kippte zur Seite. Er richtete sich wieder auf. Als würde er dagegen ankämpfen einzuschlafen. Sein Blick wanderte umher. Er blinzelte. Sah mich.

Ich schaute weg. Aus Scham. Angst. Ich wusste es nicht mehr. Ich fühlte mich unwohl. Trotzdem konnte ich nicht aufhören, ihn anzusehen.

Meine Hand wanderte an meine schwarze Jeans. An den Bund, der viel zu eng saß. Die Jeans, die ich sonst nie trug. Nicht bequem. Zu schick für den Alltag. Fühlte mich eingesperrt.

Wieder ein Ruck. Das Piepen der Türen hörte ich schon nicht mehr. Sein Kopf kippte wieder zur Seite. Diesmal rappelte er sich jedoch nicht auf.

Ich kniff die Augen etwas zusammen. Etwas hatte sich geändert. Es war keine Angst mehr. Keine Scham.

Eine Kurve, die zu schnell gefahren wurde. Sein Körper kippte vollständig zur Seite.

Ich stand. Erinnerte mich nicht mehr, dass ich überhaupt aufgestanden war. Unsicherheit. Doch meine Beine trugen mich wie selbstverständlich zu ihm herüber. Die Absätze klickten. Wackelig während der Fahrt durch den Gang.

Er lag schräg auf seinem Sitz. Augen halb geschlossen. Bewegte sich nicht. Wippte nur zusammen mit der Bahn.

Ich stand einfach da. Er noch immer regungslos. Ich beugte mich etwas vor. Wollte etwas sagen. Doch stattdessen streckte ich meine Hand aus.

Ich berührte seine Hand. Blutige Knöchel. Schön getrocknet. Keine Regung. Seine Haut wirkte unnatürlich grau. Seine Augen nur halb geschlossen. Leer.

Etwas stimmte nicht. Ich berührte ihn erneut. Keine Regung. Ich kniete mich neben ihm, hob seinen Kopf etwas an. Immer noch nichts.

Etwas änderte sich. Ich war plötzlich hell wach. Stand auf. Ohne nachzudenken. Drückte den Knopf neben der Tür. Ein Rauschen.

"Ja?"

Eine Stimme aus dem Lautsprecher. Ich erinnere mich nicht mehr daran, was genau ich gesagt hatte. Er wollte eine kurze Beschreibung der Situation. Die Nummer des Wagens, die ich bereits gesucht und gefunden hatte. Ich gab alles durch.

"Okay. Notarzt ist unterwegs. Zwei Stationen. Dann halten wir."

Mehr nicht. Mehr brauchte es auch nicht. Ich blieb bei ihm. Richtete ihn auf, stützte seinen Kopf. Hielt seine Hand.

Meine dunkelgrüne Bluse war blutig. Von ihm. Es war egal. Zwei Stationen.

Ein Piepen. Ein Ruck. Kurven.

Ein Piepen. Kein Ruck.

Rote Jacken. Stimmen. Hände die über ihn gingen. Ich trat beiseite.

"Wie heißt ihr Freund?"

Ich blinzelte. Sah verwirrt den Notarzt in die Augen.

"Nick."

Das kam schneller als erwartet. Er nickte. Nick? Ich kannte diesen Mann doch überhaupt nicht.

Ein Piepen. Kein Ruck. Denn ich saß nicht mehr in der Bahn. Ich stand draußen, neben der Trage. Meine Hand hielt seine. Wir warteten auf den Fahrstuhl der uns zum Rettungswagen bringen würde.

Seine Finger schlossen sich um meine. Fest. Nicht wie jemand der schläft. Ich sah ihn an. Seine Augen noch immer geschlossen. Sein Mund bewegte sich kaum.

"Geh nicht."


Nick

So leise, dass ich nicht sicher war, ob ich es mir eingebildet hatte.

Ich ging nicht.

Irgendwann waren wir angekommen.

Ich saß auf dem Flur. Ärzte liefen gestresst an mir vorbei. Irgendwo weinte eine Frau. Stimmengewirr, das sich zu einem gleichmäßigen Rauschen vermischte.

Ich weiß nicht mehr, wann ich meine Schuhe ausgezogen hatte. Irgendwann zwischen dem Fahrstuhl und diesem Stuhl. Sie standen ordentlich nebeneinander. Als hätte ich darüber nachgedacht.

Hatte ich nicht.

Meine dunkelgrüne Bluse klebte. Ich sah nach unten. Das Blut war dunkel geworden, fast schwarz im Neonlicht. Sein Blut. Ich kannte ihn nicht. Ich wusste nicht mal, ob Nick wirklich sein Name war.

Warum saß ich noch hier?

Ich hörte auf, nach einer Antwort zu suchen.

Ich lehnte meinen Kopf gegen die Wand. Schloss die Augen.

Geh nicht.

Ich öffnete sie wieder.

Irgendwann wurde es warm.

Ich erinnere mich nicht daran, wie. Nur dass es plötzlich da war, diese Wärme über meinen Schultern. Und dass jemand leise durch den Flur gegangen war. Schritte die sich entfernten. Das leise Klacken einer Tür.

Ich schlief.

Als ich die Augen aufschlug, war es hell.

Nicht das grelle Neonlicht vom Flur. Graues Morgenlicht, das durch ein schmales Fenster fiel. Ich blinzelte. Brauchte einen Moment.

Dann fiel mir alles wieder ein.

Ich saß noch immer im Sessel. Über meinen Schultern lag eine dünne Decke. Meine Schuhe standen ordentlich vor dem Sessel. Jemand hatte sie hingestellt.

Ich sah zu ihm.

Er war wach.

Sah mich an. Ruhig. Als hätte er schon eine Weile gewartet. Seine Hand noch immer unter meiner, so selbstverständlich, dass ich es erst jetzt bemerkte.

Ich richtete mich auf. Räusperte mich. Wusste nicht, was ich sagen sollte.

Er kam mir zuvor.

"Du hattest Angst vor mir." Es war keine Frage. Seine Stimme war rauer als ich sie mir vorgestellt hatte. Leise. "In der Bahn. Ich hab's gemerkt."

Ich öffnete den Mund. Schloss ihn wieder.

"Ich wollte dir Abstand geben." Eine kurze Pause. "Tut mir leid. Dass ich dir trotzdem keine andere Wahl gelassen hab."

Ich sah ihn an. Das blaue Auge, den frischen Verband an der Stirn. Dieses Gesicht das ich die halbe Nacht beobachtet hatte, während er geschlafen hatte.

"Du hast mir keine Wahl gelassen?", sagte ich schließlich. "Du warst bewusstlos."

Ein Mundwinkel. Fast ein Lächeln.

Seine Hand lag noch immer unter meiner. Er zog sie nicht weg.

Die Tür ging auf.

Ich zog meine Hand zurück. Schneller als nötig. Legte sie in meinen Schoß. Schaute weg.

Ich spürte seinen Blick. Sah ihn nicht an.

Eine Schwester. Ein Tablett. Frühstück für ihn. Und ein Kaffee, den sie wortlos neben den Sessel stellte. Als wäre meine Anwesenheit hier die selbstverständlichste Sache der Welt.

Die Schwester zog einen Stuhl heran. Klemmbrett auf den Knien.

"Dann würden wir jetzt gerne die fehlenden Angaben ergänzen." Sie lächelte professionell. "Ihr vollständiger Name?"

Er räusperte sich. "Nikolai Brenner."

Ich sah ihn an.

Nikolai.

Er sah mich dabei an. Nur eine Sekunde. Dann wieder die Schwester.

"Und die Krankenversicherungskarte war nicht dabei?"

"Portemonnaie weg." Er zuckte kurz die Schultern. "Ist mir aus der Jacke gefallen, glaube ich."

Eher geklaut worden.

Sagte nichts.

"Wie ist es dazu gekommen? Zu den Verletzungen?" Die Schwester hielt ihren Stift bereit.

Eine kurze Pause.

"Gestürzt. Auf dem Heimweg." Er klang vollkommen ruhig dabei. "Zu viel getrunken, nicht aufgepasst."

Die Schwester sah ihn einen Moment an. Schrieb dann etwas auf.

Ich trank meinen Kaffee.

Sie klappte das Klemmbrett zu. "Die Ergebnisse sind soweit gut. Wir würden ihn im Laufe des Vormittags entlassen." Sie sah ihn an, dann mich. "Aber er sollte die nächsten vierundzwanzig Stunden nicht alleine sein. Jemand sollte ein Auge auf ihn haben."

Ich hörte mich sagen: "Er wohnt bei mir."

Die Schwester nickte. Schrieb etwas auf. Ging.

Stille.

Ich sah in meinen Kaffeebecher. Er sagte nichts. Ich auch nicht.

Irgendwann saßen wir im Taxi.


Die Kisten

Ich weiß nicht mehr was wir geredet hatten. Vielleicht nichts.

Er stieg aus. Sah das Haus an. Dann mich.

"Ich hab ein echt schönes Haus."

Ich sah ihn an. "Du hast ein—"

"Na ja." Ein Grinsen. "Im Moment zumindest."

Ich öffnete den Mund. Schloss ihn wieder. Und dann, bevor ich etwas sagen konnte, verzog sich sein Gesicht. Die Hand kurz an die Rippen. Das Grinsen blieb, aber es kostete ihn etwas.

"Lachen tut weh", stellte er fest.

"Dann hör auf zu grinsen."

"Geht nicht."

Ich drehte mich um. Schloss die Haustür auf. Versuchte das Lächeln zu verstecken das sich seinen Weg suchte, ob ich wollte oder nicht.

Ich schloss die Tür hinter uns.

Der Flur war schmal. Rechts die Küche, geradeaus die Treppe. Und links, wie immer, die Kisten.

Drei Stück. Ordentlich gestapelt. Versandaufkleber drauf, eine Adresse die nicht meine war. Schon seit Monaten.

Ich hatte sie immer einfach nicht gesehen.

Er sah sie.

Sagte nichts. Keine Frage, kein Kommentar. Nur ein kurzer Blick, dann sah er wieder mich an. Als hätte er verstanden, dass es nichts gab was man dazu sagen müsste.

"Das Gästezimmer ist oben", sagte ich. "Komm."

Er folgte mir die Treppe hoch. Langsam. Die Hand am Geländer.

Das Gästezimmer roch noch nach ihm.

Ich merkte es, sobald ich die Tür aufmachte. Nicht stark. Nur so, dass man wusste, dass hier noch vor nicht allzu langer Zeit jemand geschlafen hatte. Gelebt hatte.

Das Bett war gemacht. Hatte ich selbst gemacht, irgendwann. Als ob ein gemachtes Bett irgendetwas bedeutete.

Das Regal an der Wand war leer. Die Bücher standen unten in den Kisten.

Ich zog die Bettdecke gerade. Unnötig. Sie war bereits gerade. Ich strich nochmal drüber.

"Du musst das nicht."

Ich fuhr herum. Er stand in der Tür. Sah mich an. Ruhig. Ohne Mitleid, was ich nicht hätte ertragen können.

Nur Verstehen.

Ich ließ die Bettdecke los.

Im Schrank an der Wand, ganz rechts, hing noch was von ihm. Ein paar Shirts, eine Jogginghose. Er hatte nicht alles mitgenommen. Ich nahm was obenauf lag.

"Hier." Ich reichte es ihm. "Damit du—" Ich deutete kurz auf sein Shirt.

Er sah nach unten. Schien es fast vergessen zu haben. Das weiße Shirt, jetzt im Tageslicht, sah noch schlimmer aus als in der Nacht.

Er nahm die Sachen. "Danke."

"Bad ist da drüben." Ich deutete auf die Tür gegenüber. "Ich—" Ich räusperte mich. "Ich bleib kurz hier."

Er sah mich einen Moment an. Nickte dann, ohne zu fragen.

Ich lehnte mich an die Wand im Flur. Die Badtür angelehnt. Nicht weit genug um zu sehen, aber nah genug.

Ich sah nicht hin.

Dann doch.

Im Spiegel ein Schemen. Sein Rücken. Schmal, aber die Muskeln darunter anders als ich erwartet hätte. Nicht breit. Nicht wie die Hantelbank in der Ecke vermuten ließ. Etwas das durch Bewegung entstanden war, nicht durch Gewicht.

Und die blauen Flecken.

Mehr als ich in der Bahn gesehen hatte. Viel mehr. Die Rippen, die Schulter, ein langer Streifen der sich den Rücken hinaufzog.

Ich sah weg.

Stellte keine Fragen. Nicht laut.


Drei Jahre. Zwei Wochen.

Später saß er auf der Couch. Unten im Wohnzimmer. Sein Geruch war anders. Das Waschmittel, das ich schon lange nicht mehr benutzt hatte. Aber anders.

Das Shirt zu groß. Die Jogginghose an der Kordel ganz zugezogen. Ich kannte diese Kleidung. Hatte sie Jahrelang gesehen. Trotzdem war es jetzt anders.

Ich stellte ihm einen Tee auf den Tisch. Dazu etwas zu essen. Nicht kompliziertes. Nudeln mit der Soße, die meine Oma immer gemacht hatte. Fleischwurst, Zwiebeln, Ketchup.

Für jemanden wie ihn wäre das früher nichts gewesen. Zu simpel. Ein Kinderessen. Für mich war es Erinnerung.

Ein Grinsen. Ein kurzes Lachen, das mich zurückholte. Wieder das verzerrte Gesicht.

"Du solltest weniger Lachen."

"Ach, das Gesicht verheilt auch wieder."

"Ich meinte nicht das Gesicht.", sagte ich nur. Die blauen Flecken an seinem Rücken.

Ich sah weg. Wurde rot. "Ich meine-"

"Du hast mich beobachtet. Oben im Bad. Hat dir denn gefallen, was du gesehen hast?", er lachte jetzt lauter. Und ich wurde noch roter. Wie die Soße auf den Nudeln.

"Hast du gar keine Schmerzen?", versuchte ich das Thema etwas umzulenken. "Was ist passiert?"

Ernster nun. Sorge in meinem Blick. Er grinste noch immer, bis er meinen Blick sah.

"Du solltest mal die anderen beiden sehen.", sagte er nur und zuckte mit den Schultern. Die anderen beiden? Also zwei Gegner? Mein Blick füllte sich mit noch mehr Sorge.

Seine Hand suchte etwas in seiner Hosentaschen. Er zog das Plastikarmband hervor. Er hatte es vermutlich vor der Dusche abgemacht.

"Nick?", fragte er. Lenkte das Thema auf etwas anderes.

"Die wollten deinen Namen wissen. Ich... hatte keine Ahnung. Hab einfach irgendwas gesagt."

"Und bist die ganze Nacht da geblieben."

"Du... hast meine Hand nicht mehr losgelassen."

Sein Blick war nun verwirrter. Sanfter. Keine Belustigung mehr. Dankbarkeit eher.

Ich setzte mich neben ihn. Bedrückende Stille lag in der Luft. Keiner wollte etwas sagen.

Ein Hund bellte irgendwo.

"Das Essen wird kalt.", sagte ich dann nur und stand auf.

Seine Hand berührte meine. Griff nach ihr. Aber nicht fest. Eher wie eine Frage. Ich setzte mich wieder. Sah ihn aber nicht an.

Seine Hand noch auf meiner. Wie im Krankenhaus. Als keiner loslassen wollte. Er drückte sie kurz, nahm dann die Gabel in die Hand und aß die Nudeln.

Ich kaute auf meiner Unterlippe. Es lag etwas in der Luft. Wir beide spürten es. Niemand wollte darüber sprechen.

Später lag ich wach in meinem Bett. Wälzte mich unruhig hin und her. Lauschte immer wieder in die Nacht hinein. Vergewisserte mich, dass er noch da ist. Atmet.

Auch er wälzte sich umher. Ich hörte, wie er immer wieder stöhnte. Vor Schmerz. Ein Grummeln. Er war genervt.

Ich drehte mich wieder um. Der Hund bellte. Irgendwo draußen. Dann Stille.

Es war zu still.

Ich stand vorsichtig auf. Ging den Flur entlang und blieb vor der Tür stehen. Hielt die Luft an. Immer noch Stille.

Leise klopfte ich. Nichts.

Ich drückte die angelehnte Tür auf. Es war stockdunkel. Aber ich wusste, wo das Bett war. Diesen Weg war ich früher häufiger gegangen. Auch, wenn es schlussendlich nichts gebracht hatte.

Heute war es anders. Er war ein anderer. Ich hörte ihn atmen. Leise.

"Mir geht es gut."

Er war leise. Auf der anderen Seite des Bettes. Ich sagte nichts. Seufzte erleichtert. Doch ich ging nicht.

Ich setzte mich auf die Bettkante. Mein Herz schlug schneller. Ich verstand noch nicht, warum.

"3 Jahre."

Stille. Er wartete darauf, dass ich noch mehr sagte. Hörte einfach zu.

"Er schlief hier. Aber es änderte nichts. Vor 5 Monaten..."

Ich legte mich auf den Rücken. Starrte im Dunkeln die Decke an. Spürte die Wärme, die er neben mir ausstrahlte. Es war angenehm, in der kalten Nacht.

"Ausgezogen ist er erst vor 8 Wochen. Die Kisten."

Er drehte sich auf die Seite. Blickte zu mir, auch wenn es zu dunkel war, um seine Augen zu sehen. Er hörte einfach nur zu. Verstand.

"Ich bin seit zwei Wochen in der Stadt. Ein Job. Nach der Uni."

Mehr sagte er nicht. Er war allein. So wie ich. Keine Freunde. Niemand, der heute auf ihn aufpassen konnte. Nur ich. Die Fremde aus der Bahn. Die ihm einen Namen gab.

"Weißt du, ich wollte neue Leute treffen. Letzte Nacht."

Er lachte. Es brach ab. Er verzog wieder das Gesicht. Auch wenn ich es nicht sehen konnte. Ich hörte zu.

"Hab ich ja irgendwie auch. Zwei nette Herren, die jetzt auf mein Portemonnaie aufpassen."

Ich musste Grinsen. Auch, wenn es eigentlich traurig war.

"Und eine beeindruckende Frau."

Er wurde wieder Still. Für einen Moment. Es war fast, als könnte ich hören, wie er grinste. Anders diesmal.

Uni. Er musste mindestens 5 Jahre jünger sein als ich. Ich musste nun auch lachen.

Wir redeten noch lange. Ich erinnerte mich nicht mehr daran, wann wir eingeschlafen waren.

Sieben Minuten

Es war früh, die Sonne kitzelte meine Nase. Mein Lippen lagen an seiner Schulter. Meine Hand auf seiner Brust. Auf den unzähligen blauen Flecken.

Ich Strich kurz mit den Fingern über die nackte Haut. Die blauen Flecken.

"Hi."

Ich zog mich abrupt zurück. Richtete mich auf. Unsicher. Er grinste.

"Kaffee?", fragte ich. Mehr wusste ich gerade nicht zu sagen.

"Kaffee."

Ich stand auf. Zog meine Haare zusammen. Ging nach unten ohne mich nochmal umzudrehen. In der Küche atmete ich aus.

Er kam kurz darauf die Treppe herunter. Langsamer als gestern. Die Jogginghose noch immer an der Kordel zugezogen, das Shirt eine Nummer zu groß. Er sah trotzdem anders aus als gestern. Irgendwie weniger fremd.

Ich stellte ihm einen Kaffee hin. Schwarz, weil ich nicht wusste wie er ihn trank. Er nahm ihn ohne zu fragen.
Wir standen in der Küche. Tranken. Sagten nichts.

Es war kein unangenehmes Schweigen.
Irgendwann rief er ein Taxi. Ich hörte ihn telefonieren, vom Flur aus. Kurz. Sachlich.

Er kam zurück in die Küche. Stellte die leere Tasse ab.

"Sieben Minuten."

Ich nickte.

Wir gingen zur Tür. Ich öffnete sie. Draußen war es noch kühl, die Straße still. Das Taxi stand schon an der Straße.

Er ging ein paar Schritte vor. Er sagte nichts. Eine schmerzhafte Stille lag in der Luft.

Dann drehte er sich um, sah mich einfach nur an. Sein Blick war anders. Das blaue Auge, schlimmer als am Tag zuvor.

Dann überwund er die Meter zwischen uns. Seine Hand in meinem Nacken. Er fragte nicht.

Er zog mich an ihn. Seine Lippen auf meinen. Er atmete schwer. Seine andere Hand berührte meine Taille. Ein Griff.

Dann war er weg. Meine Augen noch geschlossen. Dann hörte ich die Autotür. Ein Motor der startete.

Ich öffnete die Augen. Er war fort.

Meine Hand hielt die leere Kaffeetasse. Daneben ein Zettel.

Nick.
Eine Telefonnummer.
Mehr nicht.