Ronja schreibt...

damit es irgendwo wirklich passiert
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Nur ein Fahrstuhl

Natürlich zusammen

Der Schnee hatte heute Nacht niemanden gewarnt.

Das Taxi hielt vor dem Eingang. Ich sah durch das Fenster nach draußen. Weiß. Überall. Die Absätze würden das nicht überleben.

Ich stieg aus.

Drei Meter. Mehr waren es nicht bis zur Tür. Ich zog das Kleid etwas nach unten, als würde das irgendetwas an der Kälte ändern, und lief.

Dunkelgrün. Kurz. Für einen Dezemberabend vollkommen ungeeignet. Aber es war ihr dreißigster. Das Motto war eindeutig. Ein langes Kleid hätte sie mir nicht verziehen.

Die Tür fiel hinter mir ins Schloss. Stimmengewirr von irgendwo oben. Ich schüttelte den Schnee aus den Haaren.

Vor dem Fahrstuhl stand jemand.

Ich erkannte ihn am Rücken.

Er drehte sich um, als er meine Schritte hörte. Ein kurzes Lächeln. Kein Hallo. Kein großes Wiedersehen. Sein Blick wanderte kurz über mein Kleid.

"Du siehst gut aus."

Sachlich. Wie eine Feststellung.

"Du auch.", sagte ich. Meinte es so.

Ich sah mich kurz um. Niemand sonst wartete.

"Alleine?"

"Alleine.", bestätigte er.

Der Fahrstuhl öffnete sich. Wir stiegen ein. Keine Umarmung. Kein großes Hallo. Als wäre keine Zeit vergangen.

Dabei waren es fast zwei Jahre.

Der Fahrstuhl war alt. Holzvertäfelung, ein Spiegel an der Rückwand. Zu klein für zwei Menschen die sich zwei Jahre nicht gesehen hatten.

Er stellte sich neben mich. Sah geradeaus.

"Wie lange bist du schon hier?"

"Fünf Minuten.", log ich.

Er sah mich von der Seite an. "Du warst spät."

"Ich war pünktlich."

"Du warst spät."

Ich verdrehte die Augen. Er grinste. Zwei Jahre. Und es brauchte keine dreißig Sekunden.

Seine Hand tippte kurz gegen meine Seite. Nicht fest. Einfach so. Wie früher.

"Das Kleid ist übrigens wirklich zu kurz für heute."

"Das habe ich selbst gemerkt, danke."

Er lachte. Der Fahrstuhl hielt. Die Türen öffneten sich, Musik und Stimmen strömten herein.

Wir gingen rein. Kein weiteres Wort.

Als wäre nie etwas gewesen.

Sie entdeckte uns sofort.

Sie kam auf uns zu, Glas in der Hand, Lippenstift perfekt. Ihr Blick wanderte zu mir. Dann nach unten.

"Du hast kurz gesagt."

"Nicht so kurz." Sie grinste. "Aber... scharf."

Er musste lachen.

Ein Augenzwinkern von ihr. Sie zog mich kurz an sich. Dann sah sie zwischen uns beiden hin und her.

"Schön dass ihr da seid. Natürlich zusammen."

Sie war schon weg bevor ich etwas sagen konnte.

Ich sah ihn nicht an. Er mich nicht.

Wir gingen rein.


Nur Physik

Es war schon spät. Die Hälfte der Gäste war bereits gegangen. Ich suchte nach ihr, wollte mich verabschieden.

Eine Umarmung, ein kurzes Wort. Dann war sie schon wieder zwischen anderen Gästen verschwunden.

Der Abend war lang. Viele Menschen, die meisten kannte ich nicht. Ich war etwas müde, aber wir wollten noch etwas weiter ziehen. Immerhin waren zwei Jahre vergangen.

Ich wusste nicht mehr genau, wann der Kontakt abgebrochen war. Eine Beziehung, die unangenehm endete. Nachrichten, die irgendwann nicht mehr beantwortet wurden.

Wir standen wieder vor dem Fahrstuhl. Diesmal auf dem Weg nach unten. Wieder nur wir beide.

Die Türen öffneten sich. Wir stiegen ein. Ich atmete auf, als sie sich wieder schlossen.

"Das war viel.", sagte er nur. Sah mich dabei nicht an.

Er wusste, dass ich große Menschenmassen nicht mochte. Dass ich mich ungern in so großen Gruppen aufhielt. Meine Batterie war fast leer.

Ich hatte meinen Mantel noch auf dem Arm. Es war warm. Der wenige Alkohol wärmte zusätzlich von innen.

Plötzlich gab es einen Ruck. Der Fahrstuhl kam zum Stehen. Das Licht erlosch.

Vollkommene Stille. Meine Hand griff unbewusst nach seiner.

Sein Handy leuchtete auf. Er drückte sanft meine Hand.

"Kein Netz, der Strom muss in der ganzen Stadt ausgefallen sein."

Er blieb ruhig. Ich nicht. Ich fluchte.

Ich ließ die Hand los.

Es war wenig Platz in diesem Fahrstuhl. Meine Haare klebten an meinem Rücken.

"Na großartig." Ich lehnte mich gegen die Wand. "Wirklich großartig."

"Könnte schlimmer sein."

"Wie genau?"

Er überlegte. "Ich könnte mit jemandem festsitzen, den ich nicht leiden kann."

"Du sitzt mit jemandem fest, der dich gerade ernsthaft in Frage stellt."

Er lachte leise. Setzte sich auf den Boden, den Rücken gegen die Wand, die Beine angezogen. Als wäre das hier völlig normal. Als hätten wir alle Zeit der Welt.

"Setz dich. Das kann dauern."

"Ich steh lieber."

"In den Schuhen?"

Ich sah nach unten. Er hatte recht. Natürlich hatte er recht.

"Setz dich auf den Mantel. Es wird kalt werden."

Ich zögerte. Dann breitete ich den Mantel auf dem Boden aus und rutschte an der gegenüberliegenden Wand nach unten. Zwischen uns vielleicht ein Meter. Mehr gab der Fahrstuhl nicht her.

"Und jetzt?", fragte ich.

"Jetzt warten wir."

Er legte sein Handy zwischen uns auf den Boden. Das Display nach oben, das Licht gedämpft. Genug, um sein Gesicht zu sehen. Mehr nicht.

"Damit es nicht ganz dunkel ist", sagte er.

Stille.

Ich tippte mit den Fingern auf den Boden. Ein Rhythmus ohne Lied. Ich merkte es erst, als er auf meine Hand sah.

Ich hörte auf.

Dann fing ich wieder an.

"Du trägst grün."

Ich sah auf. "Und?"

Sein Blick war kurz nach unten gewandert. Zu den Beinen, zum Saum der viel zu hoch endete. Nicht lang. Nur einen Moment. Dann wieder zu mir.

"Früher nie." Er sah weg. "Er mochte kein Grün, oder?"

Ich antwortete nicht sofort.

"Er mochte vieles nicht."

Mehr sagte ich nicht. Mehr musste ich nicht sagen.

Er nickte langsam. Hakte nicht nach.

"Steht dir.", sagte er dann. Und es klang nicht, als würde er nur das Grün meinen.

Ich zog den Mantel ein Stück weiter unter mich. Sagte nichts.

Mein Finger hatte aufgehört zu tippen.


"Wie lange stehen wir hier schon?", fragte ich.

Er sah auf sein Handy. "Zwanzig Minuten."

"Fühlt sich länger an."

"Tut es immer."

Es wurden mehr als zwanzig Minuten.

Irgendwann hörte ich auf, auf das Display zu schauen. Die Zahlen halfen nicht. Sie machten es nur länger.

Die Kälte kam langsam. Erst kaum spürbar. Dann kroch sie durch den Mantel unter mir, durch den dünnen Stoff, in die Beine.

Ich stand auf. Ohne darüber nachzudenken. Als könnte ich der Kälte davonlaufen, hier, auf diesem einen Quadratmeter.

Ich rieb mir die Arme. Mein Atem ein blasser Schleier im Licht des Handys.

Er sah zu mir hoch. Sagte nichts. Lehnte nur den Kopf gegen die Wand und beobachtete, wie ich von einem Bein aufs andere trat.

Ich zitterte, bevor ich es selbst bemerkte.

"Du könntest dich auch einfach setzen.", sagte er.

"Auf den eiskalten Boden?"

"War ja nur ein Vorschlag."

Ich trat weiter von einem Bein aufs andere. Meine Zähne fingen an zu klappern, leise, aber hörbar.

"Wenn du jetzt sagst, du frierst nicht, glaub ich dir das nicht.", sagte er.

"Ich frier nicht."

"Du klapperst wie ein Specht."

"Spechte klappern nicht. Die hämmern."

Er sah mich an. Einen Moment lang sagte keiner etwas. Ich sah, wie er kurz überlegte. Wie etwas in ihm arbeitete, das ich nicht deuten konnte.

Dann griff er neben sich. Sein Mantel, den er bisher nicht getragen hatte. Er hielt ihn mir hin. Wortlos.

Ich sah ihn an. Den Mantel. Wieder ihn.

"Nimm ihn schon.", sagte er.

"Dein Klappern geht mir auf die Nerven." Er grinste.

Ich zog meinen eigenen Mantel an, er war länger als das Kleid. Seinen band ich mir um die Hüften.

Ging auf und ab. So weit möglich in diesem kleinen Raum.

Ich setzte mich wieder.

Seinen Mantel unter mir. Um die Beine gewickelt.

Ich sah ihn nicht an. Kräuselte etwas die Lippen. Er hatte recht.


Die Sache mit dem See

Das leise Surren von irgendwo war verstummt.

Jetzt war da nichts mehr. Nur wir und die Kälte.

"Du hättest dich melden können.", sagte er.

Es kam ruhig. Kein Vorwurf. Eine Feststellung.

Ich wusste sofort, was er meinte. Nicht damals, während der Beziehung. Danach.

"Ich wusste von der Trennung.", fuhr er fort.

"Bei ihr hast du dich gemeldet." Er deutete nach oben. Dort musste die Musik auch verstummt sein. Dunkelheit, vermutlich nicht so kalt wie hier. Ob man nach uns suchte?

"Ich wusste nicht, was ich hätte sagen sollen.", sagte ich schließlich.

"'Hallo' wäre ein Anfang gewesen."

Ich lachte leise. Es klang nicht fröhlich.

"Es war komplizierter als bei ihr."

"War es das?" Er sah zu mir herüber. "Oder hast du dir das nur eingeredet?"

Darauf hatte ich keine Antwort. Vielleicht, weil er recht hatte.

Stattdessen zog ich mein Handy aus der Tasche.

Stand auf. Hielt es hoch, in jede Ecke, als würde sich der Empfang im obersten Winkel dieses Kastens verstecken. Kein Balken. Natürlich nicht.

"Du suchst keinen Empfang.", sagte er. "Du suchst eine Ausrede."

Ich steckte das Handy weg. Setzte mich wieder.

Ich weiß nicht, wie viel Zeit verging.

Die Kälte war nicht mehr nur unangenehm. Sie tat weh. Meine Finger waren steif, die Zehen längst taub. Ich hatte die Arme um die Knie geschlungen, so eng es ging, und trotzdem hörte das Zittern nicht mehr auf. Meine Zähne klapperten. Diesmal sagte er nichts dazu.

"Komm her." Ich sah auf.

"Was?"

"Komm her." Er sagte es ruhig. Rückte ein Stück von der Wand weg, machte Platz neben sich.

"Wir verlieren beide Wärme. So ergibt das keinen Sinn."

Ich rührte mich nicht.

"Es ist nur Physik.", sagte er. Fast schon entschuldigend.

"Zwei sind wärmer als einer."

Ich sah ihn an. Den Platz neben ihm. Den Meter zwischen uns, der plötzlich sehr groß und sehr klein zugleich war. Dann rutschte ich hinüber.

Er legte leicht einen Arm um mich.

Ich konnte mich nicht wirklich an ihn lehnen. Meine Finger waren schon blau.

"So wird das nichts.", sagte er.

Er löste sich von mir. Stand auf, in dem kleinen Raum so gut es ging.

"Steh kurz auf."

Ich sah ihn an. Verstand nicht.

"Vertrau mir."

Ich stand auf. Steif, ungelenk, die Beine kaum noch meine eigenen. Er nahm mir die beiden Mäntel ab. Er breitete meinen auf dem Boden aus. Seinen eigenen behielt er in der Hand.

Dann setzte er sich. Den Rücken gegen die Wand, die Beine leicht gespreizt. Und klopfte einmal auf den Boden vor sich. Zwischen seine Beine.

Ich zögerte.

"Stolz hat noch keinen warm gehalten.", sagte er.

Ich setzte mich. Zwischen seine Beine, den Rücken an seine Brust. Zog die eigenen Beine an. Er legte seinen Mantel über uns beide, breit genug, dass er fast alles bedeckte. Dann seine Arme darüber, locker um meine angezogenen Knie.

Es dauerte einen Moment.

Dann spürte ich seine Wärme durch das Hemd. Durch alles hindurch. Mein Rücken an seiner Brust, sein Atem irgendwo über meinem Haar.

Das Zittern wurde langsamer.

Keiner von uns sagte etwas.

Er hatte mal wieder recht.

Seine Hände lagen auf der Jacke. Auf meinen Knien.

"Du zitterst", sagte ich.

Er antwortete nicht.

Er legte die Hände unter die Jacke. Locker auf seinen Knien.

Ich spürte, wie kalt sie waren, auch wenn er mich nicht direkt berührte.

Er sagte nichts. Hielt einfach nur still, gab mir seine Wärme, ohne an seine eigene zu denken. So war er immer gewesen.

Ich griff nach seinen Händen.

Er erstarrte kurz.

Ich zog sie zu mir, auf die nackte Haut an meinen Beinen. Sie waren eiskalt.

Ich hielt sie dort fest, zwischen meinen eigenen Fingern.

"Du läufst mir hier nicht blau an.", sagte ich.

Es sollte locker klingen. Tat es nicht ganz.

Er entspannte sich langsam.

Seine Hände wurden wärmer unter meinen. Oder meine Beine kälter. Ich wusste es nicht. Es war mir egal.

Wir saßen einfach da.

Irgendwann wurde mein Atem ruhiger. Das Zittern hörte auf.

Ich merkte erst jetzt, wie angespannt ich gewesen war. Nicht nur wegen der Kälte.

Es war vertraut. Auf eine Art, die ich fast vergessen hatte.

"Weißt du noch", sagte ich leise, "die Sache mit dem See?"

Ich spürte, wie er lächelte. Mehr als ich es sah. Spürte seinen Atem an meinem Ohr. Er war warm.

"Er hat mir das nie geglaubt.", sagte ich. "Dass da nichts war."

Eine Pause.

"War da nichts?", fragte er.

Ich antwortete nicht sofort.

Schweifte ab mit den Gedanken. Zurück zu diesem Moment. An dem See.

Ich zitterte. Nicht vor Kälte.

"Ich wusste nicht, dass du..."

"Doch, wusstest du."

Ich wusste es. Ich hatte es nur verdrängt. Über all die Jahre.

Seine Finger bewegten sich ein Stück auf meinen Knien. Das brachte mich zurück in das Hier und Jetzt.

Das Licht von seinem Handy erlosch. Sein Akku war leer. Es war stockdunkel. Die Realität kehrte zurück in diesen Moment.

Ich wollte mich bewegen. Mein eigenes Handy herausholen.

"Nicht.", er flüsterte. Hielt mich fest. Sanft. Ich hätte mich befreien können. Wollte es aber nicht.

Zum ersten Mal entspannte ich mich vollständig. Legte den Kopf gegen ihn. Diese Vertrautheit. Die schon immer da war. Auch wenn ich es nicht sehen wollte.

Ich erinnerte mich nicht daran, wie lang wir so dasaßen. Sein Atem auf meiner Haut. Seine Lippen an meinem Ohr. Nur ganz leicht.

Irgendwann ruckte es.

Ein Summen, das vorher nicht da gewesen war. Dann Licht – grell, plötzlich, fast schmerzhaft nach all der Dunkelheit. Ich kniff die Augen zusammen.

Der Fahrstuhl setzte sich in Bewegung. Langsam. Nach unten.

Wir rührten uns nicht. Ich saß noch immer zwischen seinen Beinen, seine Arme um mich, sein Mantel über uns. Das Licht änderte nichts. Zum ersten Mal hatte ich keine Angst davor, dass es das tun würde.

Ich drehte den Kopf. Sah ihn an. Zum ersten Mal seit Stunden richtig.

Er sah zurück. Sagte nichts.

Er musste nichts sagen.

Der Fahrstuhl hielt. Ein leises Klingen. Die Türen öffneten sich.

Sie stand davor. Mantel über dem Partykleid, das Handy in der Hand, das Gesicht angespannt. Sie hatte gewartet. Die ganze Zeit.

"Da seid ihr ja—" Sie hielt inne.

Sah uns an. Wie wir dasaßen. Eng. Verschlungen. Unter einem Mantel.

Etwas in ihrem Gesicht entspannte sich. Ein kleines, wissendes Lächeln.

"Na endlich.", sagte sie nur.


Nur ein Fahrstuhl

Ich musste lachen. Er lachte.

Dann saßen wir in einem Taxi. Jeder trug seinen eigenen Mantel.

Unsere Hände warm. Ineinander. Keiner sagte etwas.

Das Taxi hielt irgendwann. Ich erinnerte mich nicht, welche Adresse wir genannt hatten.

Aber es war nicht meine.

Er stieg aus, lief ums Auto. Es schneite.

Er öffnete meine Tür, half mir beim Aussteigen. Noch immer sagte niemand etwas.

Das Taxi fuhr ab, wir gingen zur Tür. Ein Hochhaus. Wir nahmen die Treppe. Wollten keine weitere Unterbrechung.

Dann seine Wohnungstür. Kein Zögern. Wir traten ein.

Erst jetzt sahen wir uns wieder an.

"Ich...", wir sagten es gleichzeitig. Die Tür schloss sich hinter uns. Wir lachten.

Dann nicht mehr. Er zögerte.

"Liegt es nur am Fahrstuhl?", fragte er vorsichtig. Er wollte sich sicher sein. Dass das hier kein Moment war wie damals am See.

"Nein", sagte ich. Ohne Stimme. Nur ein Hauch. Ich war nicht fähig, einen ganzen Satz herauszubringen.

Er machte einen Schritt auf mich zu. Langsam. Als hätte er Angst, ich könnte mich noch anders entscheiden.

Seine Hand an meiner Wange. Kalt noch immer. Ich lehnte mich hinein.

Dann küsste er mich.

Erst vorsichtig. Beinahe zaghaft, als wäre es zerbrechlich nach all der Zeit. Als müsste er sich vergewissern, dass es wirklich geschah.

Dann nicht mehr.

Zwei Jahre. Vielleicht mehr. All die Momente, die nie passiert waren, all das Verdrängte, das Ungesagte – es lag plötzlich in diesem einen Kuss. Seine Hände in meinem Haar. Meine an seinem Hemd, das ich näher zog, weil zwischen uns kein Platz mehr sein durfte.

Der Schnee, die Kälte, der Fahrstuhl – alles weit weg.

Er löste sich kurz. Nur einen Atemzug weit.

"Wenn ich gewusst hätte, dass es nur einen kompletten Stromausfall braucht", murmelte er an meinen Lippen, "hätte ich früher schon die Sicherung rausgedreht."

Ich lachte. Er lachte. Es war absurd. Alles davon.

Dann hob er mich hoch, einfach so, und ich hörte auf zu lachen.

Der Rest der Wohnung blieb dunkel.